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Albrecht Dürer |
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St. Egidien |
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Gottes Dürerbild |
Ich wöll hie ein klein Feuerle anzünden ... so mag mit der Zeit ein Feuer daraus geschürt werden, das durch die ganz Welt leucht. ... (Teil 2)
Albrecht Dürer, Vorrede zum „Lehrbuch der Malerei“ War Dürer schwul, päderastisch, syphilitisch? Man mag es der CITYKIRCHE nicht verübeln, diesen Fragen – wie derzeit üblich – nicht den ersten Platz einzuräumen. Das eigentlich Schockierende, Verstörende liegt nicht in seiner Person, sondern in seiner Kunst. Dennoch hat Albrecht Dürer wie kein Künstler vor ihm die eigene Person in verschiedenen Lebenssituationen porträtiert und in seine Kunst einbezogen. |
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Gottes Dürerbild
In der konkreten, individuellen Gestalt, in der Dürer im Lauf seines Lebens sich selbst skizziert und gezeichnet hat, findet sich immer noch eine andere Gestalt und Figur: Das Bild, das Gott vom Menschen hat als Geschöpf und Ebenbild. Es geht – so merkwürdig dies zunächst klingen mag – um Gottes Dürerbild.
Dadurch kommt eine Spannung ins Spiel, derer wir bei der opulenten Blauen Madonna und der herben Kohlezeichnung seiner Mutter – beides Mariendarstellungen! – bereits ansichtig wurden (Teil 1, CK 33, S. 7-9). Wir haben auf die Balance zu achten zwischen Farbe und Linie, zwischen den Licht- und Schattenseiten, zwischen den zwei Naturen des Künstlers, die in den Selbstbildnissen auf opulenten Tafelbildern und beiläufigen Skizzen zutage treten.
Sollte diese Balance und Spannung gehalten werden, in der – wer will – das „Gerecht und Sünder zugleich“ der Reformation bereits vorweggenommen wird, dann dürften die hohen Erwartungen an die neue Nürnberger Dürer-Ausstellung auch theologisch voll erfüllt sein.
Grübler und Bräutigam
Dürer bewegt sich zuerst in den üblichen Bahnen des Handwerks, der Lehr- und Wanderjahre. Aber die Unruhe ist schon spürbar. Von den Selbstbildnissen fand die Erlanger Zeichnung des Zwanzigjährigen besondere Beachtung bei Künstlern des 20. Jahrhunderts – hier die Radierung von Horst Janssen(1977). So hat er Schüler seit 500 Jahren! Der Trauer- und Melancholie-Gestus, den Kopf in die Hand zu stützen, fordert nicht nur zeichnerisch-handwerkliches Interesse, sondern bereits künstlerische Expressivität, eine geistige Situation, einen inneren Zustand aufs Papier zu bringen.
Die grüblerische Haltung weicht dem herb sinnlichen und jugendlichen Bräutigam, ohne die Perspektive, die Linie zu verlassen. Deren Klarheit verbietet jede Unsicherheit, jedes Ineinander von Zuständen und Stimmungen. Daher das Nacheinander und Nebeneinander der Selbstbildnisse. Dürer wird immer einfach sein.
Das elektrisierend Ehrliche
Dürer zeigt von sich nicht nur die Außenseite, das perfekte, fertige, farbige Bild. Das sind die großen drei: Der Bräutigam (Paris, 1493), gentiluomo – der bunte Vogel (Madrid, 1498), der Mensch (München, 1500). Es gibt auch die andere, die Innenseite. Skizzen, die Dürer immer wieder von sich selbst entwarf: Unansehnlich, leidend, ungeschützt und moribund.
Niemand wollte sich gerne so sehen, geschweige denn zeigen. Die nackte Wahrheit - kein Thema für draußen: Der Grübler (Erlangen, 1491), der Verlorene Sohn (Wien, 1494), der Entblößte (Weimar, 1510?), der Schmerzensmann (Berlin, 1522).
Und doch hat Dürer diese Skizzen nicht weggeworfen. Unausdenkbar für uns Moderne, wenn es so gewesen wäre! Sie gehören dazu – wie bereits gezeigt und gewürdigt – die Kohlzeichnung seiner sterbensmatten Mutter zur schönen Blauen Madonna.
Und dann – geradezu werkumspannend – gelingt ihm eine erste Annäherung an seine Passion und Leidenschaft: In wen Christus kommt, schreibt Dürer 1520, der ist lebendig und der selbe lebt in Christo. Darum sind alle Dinge gute Dinge Christi.
Der Schmerzensmann
Sicher hat der düstere Matthias Grünewald das Leiden Christi im Isenheimer Altar noch expressiver gezeichnet. Bei Dürer sind es die Hände, die hier und dort die Passionswerkzeuge Geißel und Rute ergreifen. Zur verbreiteten Imitatio Christi gehört, sein Kreuz zu tragen. In Christus aber spiegelt sich und spiegelt er ein Gesicht: Sein Gesicht. Solange ihn niemand kennt, ist dieses gezeichnete Ich einerlei. Aber das wird sich bald ändern. Oder hat er, um sich noch besser in Szene setzen zu können, sich jene ungewöhnliche, jesuanische Haar- und Barttracht gerade deshalb zugelegt?
Bunter Vogel und Verlorener Sohn
Zwei Selbstdarstellungen wie sie extremer nicht sein können, aber durchaus zu spätmittelalterlicher Lebenskunst und Frömmigkeit passen: Zum einen der Star, der bunte Vogel, der sich mit diesem Bild als Performer städtischer Herren und Patriziersöhne ins Geschäft bringen will. Signifikant die Handschuhe aus feinstem Leder, die beides zugleich, luxuriöse Mode und malerisches Können zeigen.
Zum andern der verlorene Sohn, wie er in damaligen Andachtsbüchern immer wieder erscheint – hier jedoch in einer ungemein realistischen Präsenz und Szene.
Dass Dürer dem verlorenen Sohn seine eigenen Züge leiht, ist nicht von der Hand zu weisen. Der begibt sich auf eine Ebene mit dem Vieh, hat zugleich die Hände gefaltet und den Blick nach oben gerichtet: Du sollst dein Leben nicht den Schweinen geben! Betrachter und Künstler lassen sich in der Figur des verlorenen Sohnes geradezu meditativ vereinen.
Noch dramatischer muss diese persönliche Identifikation freilich auf die gewirkt haben, die Dürers Bilder und Kupferstiche kannten. Da es sich beide Male um ein und dieselbe Person handelt, die einmal als feiner Herr und bunter Vogel, zum andern als verlorener Sohn erscheint, ist dies bereits der Anfang der Dürerschen Performance, einer illustrierten Frömmigkeits- und Fankultur, die nach seinem Tod erst richtig loslegte.
Dass Kirchenleitung und weltliche Obrigkeit im Jüngsten Gericht und in biblischer Perspektive schlecht wegkommen, war geläufig. Neu ist die individuelle, reflexive Direktheit, in der Albrecht sich nicht etwa im stillen Kämmerlein, sondern diesem kritischen Kanon öffentlich unterzieht: Er selbst kann sich diesem Anspruch nicht entziehen.
Nocheinmal Venedig
Inzwischen ist Entscheidendes geschehen. Mit der ersten Reise nach Venedig 1494 betritt Dürer künstlerisch und leibhaftig ein Paradies. War der nackte Körper in Adam und Eva geradezu kindlich naiv dargestellt und in den Kirchen domestiziert, durch Kreuzigungs- und Märtyrerszenen gewaltsam deformiert und religiös ausgeschlachtet, so trifft Dürer mit einem Mal auf die nacketen Bilder der Walchen (d.h. der Welschen, der Italiener), die gar verloren und ob tausend Jahr verborgen gewest. Das rinascento (ital.), die Renaissance (franz.) ist für ihn das Wiedererwachsen dieses antiken Ideals, der ewig gültigen Schönheit.
Wir können uns nicht dramatisch genug vorstellen, was da geschieht: War seit Adams Fall ganz verderbt menschlich Natur und Wesen, die Menschheit post lapsum vom Paradies ausgeschlossen, dem jungen Dürer ist die Tür zum Paradies nun aufgetan. Ihr habt noch nie jemand mit Silberstift und Feder so zeichnen, so leidenschaftlich in die Anatomie der Körper und ihrer Proportionen sich versetzen sehen. Der Akt, die nackte Figur wird zum Leitbild eines neuen Menschenseins, einer neuen Einstellung zum Leben und zur Welt.
Sie waren beide nackt und schämten sich nicht.
Unsere Lebens- und Kulturgeschichte ist eine Geschichte von Tabubrüchen und Schamverletzungen. Gerade die Seelsorge trifft hier auf einen ungemein sensiblen und individuell ganz unterschiedlich wahrgenommenen Bereich. Dabei hilft die Einsicht nicht weiter, dass Körper und Nacktheit den Menschen objektiv, Geist, Erziehung und Mode ihn hingegen nur subjektiv definieren.
Nicht nur Albrecht Dürer und früher die Antike haben der nackten Figur so etwas wie ein Ideal und natürliche Schönheit abgewonnen. Das gleiche gilt ja auch für die Nazis. Wie verletzend und gefährlich jede ideologische Festlegung werden kann, was natürlich oder entartet sei, spüren wir bis heute. Weil wir gebrannte Kinder sind, suchen wir das Feuer.
Die entscheidende Frage ist, wie weit wir die Natur, die innere Seite nach außen kehren, kehren dürfen und wie weit wir ihre sinnliche Wahrnehmung an uns heranlassen oder nicht.
Albrecht Dürer hat für sich und seine Zeit eine eigene Antwort darauf gefunden. Er kehrt aus Venedig zurück in eine andere Heimat und Renaissance, die der Theologe Heinrich Assel bereits als Vorwegnahme des reformatorischen Menschenbildes, des Gerecht und Sünder zugleich (simul iustus et peccator) ansieht. Die Reinzeichnung der gewonnenen Perspektiven in die Welt der Bibel und des Glaubens und wiederum deren Veränderung wird die folgenden großen Jahre der sog. Dürerzeit bestimmen.
Gerecht und Sünder zugleich
Auch wenn die Protestanten den Pelzkragen lieber nach innen tragen, ist Dürers Selbstbildnis im Pelzrock typisch protestantisch. Mit der persönlichen Einzeichnung in die Ikone des antiken Christusbildes entsteht Identifikation: Das Ich ist ideal verbunden mit Jesus Christus als Gottes Ebenbild – anderwärts auch leidend mit ihm verbunden als Schmerzensmann.
Wer ein wenig christlich und biblisch geschult ist, hat mit diesen zwei Seiten und Naturen keine Probleme: Beide sind in Christus existenziell beschrieben und vorhanden. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der schönste Bräutigam und Gottessohn. Herr aller Herren und Könige auf Erden.
Und er ist der Bespuckte und Verhöhnte, den sie grün und blau schlagen und am Kreuz entblößt und jämmerlich sterben lassen, wie ein Lamm, das geschlachtet wird, der Schmerzensmann, so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg (Jesaja 53, 3).
Nur, woher wissen wir, wie Jesus aussah? Ich behaupte, dass das Dürersche Selbstbildnis unser Jesusbild viel mehr geprägt hat als umgekehrt. So wie es in der revolutionären Jesus-Bewegung der 70er Jahre mit dem Bild Che Guevaras geschah.
Neben dem Dürer-Christus, dem schönsten Herrn der Welt und dem Schmerzensmann gibt es nun auch noch jene andere dritte Seite und Skizze, die inzwischen zum Standard jeder Dürerinterpretation und -ausstellung gehört.
Der arme Sünder,
der da wie in einem Spiegel seiner selbst ansichtig wird – unsicher und alt, sehnsüchtig nach uns blickend wie ein Vogel im Käfig – ist auch kein anderer als Dürer selbst. Wie abgebrochen Schulter und Oberarm, der Körper ein Torso, die sonst so üppige Haarpracht streng in ein Netz zurückgebunden. Sicherlich, vermutet der Dürerkenner Franz Winzinger, hat Dürer diese Zeichnung nie aus der Hand gegeben, und gerade deswegen ist sie besonders aufschlussreich: ... Während er den Kopf mit raschen Strichen rasch zum Abschluss bringt, hat er den Körper mit beispielloser Hingabe in allen Einzelheiten notiert ... Besonders in der Art, wie er mit größter Einlässlichkeit sein Geschlechtsteil herausmodelliert, spürt man das ungeteilte Interesse an der Wirklichkeit, das auch in dem gespannten Blick zum Ausdruck kommt.
Scham und Schuld
Das ist nicht mehr die reuig demütige Haltung mittelalterlicher Flagellanten und Büßer, keine Verteufelung der Sexualität, kein Narzissmus, aber auch keine verinnerlichte Scham, vielmehr die illusionslose Zeichnung des eigenen Ich. Das Moderne an diesem armen Sünder ist, dass er an seinem Alter, an seiner leeren Sehnsucht nicht zerbricht, dass er nicht wie jener verlorene Sohn in die Knie geht und bereut. Er muss sich seiner Körperlichkeit, Sexualität und Gebrechlichkeit nicht schämen und sie als Schuld verbuchen. Sünde wäre eher die Unehrlichkeit und falsche Scham, nicht damit umzugehen ...
Je mehr wir uns aber der eigenen Wahrnehmung und der sie repräsentierenden Bilder entziehen, desto mehr schnappen sie nach uns. Vielleicht hatten die früher noch ein Gefühl dafür, dass diese innere, nackte Seite der Wahrheit mit dazu gehört, dass dies nicht immer nur spinnerte Provokationen und abnorme Fantasien sind, sondern unsere Natur auch: Dass wir sterben müssen, dass wir die hehrsten und frömmsten Gedanken fahren lassen, wenn der Leib, die Natur sich rühren mit Migräne, Hexenschuss oder auch nur einem kleinen Zahnschmerz. Und was erst - Shakespeare’s Hamlet! - in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir die irdische Verstrickung lösten, ... dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehen. So macht Bewusstsein Feige aus uns allen ...
Kein Benzin im Tank
Bis herauf in diese Tage schafft es die Christenheit nicht, die Scham- und Tabuverletzungen etlicher ihrer Priester zu verhindern. Seit der sog. Pillenenzyklika (Papst Paul VI.,1965!) ist sie in den entscheidenden sexualethischen Diskursen (Empfängisverhütung, Zölibat, Verheiratung Geschiedener, Fortpflanzungsgebot) keinen Schritt vorangekommen. Alle zehn Jahre ein hoffnungsvoller Neustart – aber kein Benzin im Tank! Selbst unter meinen katholischen Freunden erlebe ich eine eigenartige Hemmung und Resignation, diese für viele Christen lebensentscheidenden Fragen wach zu halten. Vielleicht verstehe ich auch das vatikanische System zu wenig, als dass ich mich mit meinem Gefühl von Wahrheit und Gerechtigkeit da einmischen dürfte. So macht Bewusstsein Feige aus uns allen ...
Düröffner
Dürer hat der Kunst die Türen geöffnet. Sie ist nicht mehr nur Handlangerin der Kirche, sondern aufmerksame Partnerin, eine Tochter der Freiheit.
Wie sähe denn eine Welt aus, in der wir nur glauben, was wir sehen, nur zeigen, was wir schön finden, nur verallgemeinern, was wir sinnlich wahrnehmen können? In dieser Welt gäbe es nur Normale und Gesunde, den Alltag und die Langeweile.
Kunst, so sie modern sein will, wird uns immer wieder auf die andere Seite der Welt bringen und an die anderen – auch die bösen – Träume erinnern. Manchmal tut sie’s mit ätzender Säure auf das ranzige Fett unserer Selbstvergessenheit und Sucht nach Harmonie. Manchmal ist sie bewusst kitschig und bis zum Erbrechen schön. Manchmal erlaubt sie – was bekömmlicher ist – den Umweg über ihre eigene spannende Geschichte – z.B. über die Albrecht Dürers.
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(Text: Heiner Weniger, Bild: Archiv St. Egidien) |
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